Venedigs kleine brasilianische Schwester

afua

Abgefahren: Afuá ist Fahrradstadt, Autos gibt es nicht.

Abgelegen: Wenn die Fußball-Weltmeisterschaft 2014 angepfiffen wird, dann ist Afuá einer der am weitesten entfernten Orte von jedem der zwölf WM-Stadien in ganz Brasilien.
Aber stolz: „Amazonisches Venedig“ betitelt sich die Kleinstadt auf Stelzen – und weiß nicht, dass ihre Landebahn einer Miniaturausgabe des Tempelhofer Flugfelds ähnelt.

Luftlinie sind es etwa 1.076 Kilometer zwischen Afuá und Manaus. In Manaus, Brasiliens Dschgungelmetropole, befindet sich das Stadion Arena da Amazônia. Es ist dasjenige der zwölf WM-Stadien, das Afuá am nächsten liegt. Für europäische Reisende sind das unermessliche Dimensionen. Aber nicht nur das: Auch durch seine Insellage im Amazonasdelta ist Afuá nicht einfach zu erreichen. Keine Straße führt dorthin. Die Stadt, die der deutschsprachige Lonely Planet mit keinem Wort erwähnt, ist das letzte Ziel unserer Reise durch den Nordosten Brasiliens.

Siebenundzwanzig Stunden von Belém und nochmal drei von Macapá bringen wir an Bord zweier Schiffe zu, um an einem regnerischen Januartag in Afuá anzukommen. Dass es auch einen Flughafen gibt, ist eine große Überraschung. Wären wir nicht aufgeklärt worden, hätten wir ihn allerdings kaum als solchen erkannt. So klein ist die Landebahn, so unscheinbar das gelbe Gebäude. Dreimal pro Woche landen die Flugzeuge angeblich, am sehr frühen Morgen. Die restliche Zeit ist die Landebahn Freizeitfläche für Jogger und Walkerinnen, für Fußball und Cricket spielende Kinder. Beinahe fühlen wir uns nach Berlin versetzt – und verlieben uns augenblicklich in unser „brasilianisches Tempelhof“. Als am Abend der Mond den Himmel über der Windfahne erklimmt und sich die Sonne am Horizont gegenüber in die Wolkenhaufen hinter den Baumwipfeln bettet, plumpsen zwei kleine Mädchen völlig außer Puste in die gelbe Kreismarkierung auf dem Boden. Wie alle Einwohner beäugen sie uns neugierig. Europäer sind hier auffällige Gäste. Hinter den Mädchen schillert mondlichtfarben eine Wasserlache.

Die Regenzeit hat gerade begonnen. An zwei aufeinanderfolgenden Tagen prasseln die Regentropfen im Morgengrauen aufs Dach unserer pousada, einer einfachen Unterkunft zwischen Pension und Hotel. Am dritten Tag gießt es den ganzen Nachmittag lang, während wir im Restaurant sitzen und den gegrillten Fisch, Reis und Bohnen verdauen. Durch die offenen Türen blicken wir auf die mal dichteren, mal lichteren Regenschnüre. Kinder aus der Nachbarschaft tollen johlend auf der Straße herum, T-Shirts und Höschen triefen vor Nässe. Aber es ist warm im Januar, Sommer auf der Südhalbkugel. Ab jetzt wird es jeden Tag öfter und länger regnen und am Höhepunkt der Regenzeit tagelang nicht mehr aufhören. Wir kaufen uns endlich einen Regenschirm.

Eine kluge Investition. Denn Regenschirme sind auch als Sonnenschirme gut. Grün, gelb, rot, pink, meistens geblümt, manchmal gepunktet, selten einfarbig. Es mag vielleicht zehn, fünfzehn Modelle davon geben, alle made in China. Fröhlich mutet es an, wenn die bunten chinesischen Schirme auf Fahrrädern spazieren fahren. Auf dem Steg zwischen Afuenser Flugfeld und Fluss ist am frühen Abend Hauptverkehrszeit. Wir sitzen im Schneidersitz auf der Landebahn, der Beton ist noch warm von der Sonne. Wir beobachten die Boote auf dem Wasser. Dunkel heben sich die Silhouetten der Passagiere ab, während sie vorbeituckern. Die Fahrräder auf dem Steg durchkreuzen unser Blickfeld: Pärchen, die nebeneinander spazieren fahren. Mehrköpfige Familien, die sich auf Gepäckträger, Sitz und Querstange verteilen. Ein Mann balanciert seinen neuen Fernseher auf der Schulter, während er einhändig das Lenkrad steuert. Fahrräder sind die einzigen Transportmittel in Afuá.

Sie befördern Personen und Waren. Für erstere hat sich, als komfortable Erweiterung, das bicitaxi („Fahrradtaxi“) etabliert, eine Konstruktion aus zwei parallel montierten Fahrrädern mit Dach darüber. Mit allerlei Dingen beladene Anhänger verleihen dem Begriff der „fahrenden Händler“ eine neue Tragweite. Als wir erfahren, dass motorisierte Fahrzeuge in der Stadt generell verboten seien, scheint uns das kaum verwunderlich. Selbst die wenigen Betonstraßen im Zentrum wären für Autos selten breit genug, meistens brettern die Fahrräder aber über hölzernen Untergrund, der sich auf Stelzen über den sumpfigen Erdboden erhebt. Darunter tummeln sich braune Krebse, huschen zwischen ihren Löchern, Müll und Grasbüscheln hin und her. Was machen sie bloß, wenn in der Regenzeit alles überschwemmt wird?

Opfer der nichtmotorisierten Straßenrowdies werden dagegen die Exemplare einer großen Käferspezies. Baratões, „Riesenkakerlaken“, nennt sie der Volksmund. Von den Lichtern angezogen, sitzen die gigantischen Insekten allabendlich auf den Straßen. Noch warten sie reglos auf ihren unausweichlichen Tod, schon sind sie platte, aufgeplatze Körper. Als käme der Dschungel zum Sterben in die Stadt. Denn wo kein Wasser ist, da ist Dschungel. Also da, wo Afuá aufhört, und auf den vielen vorgelagerten kleineren Inseln. Ohne Boot, ohne einen Ortskundigen kommen wir nicht dorthin.

Aber das ist eine andere Geschichte.