Mein Berlin

von Sandra Montes

Photo vom Boxi
In dem Buch Mi Berlín. 50 visiones, 50 retratos, 50 vidas, 50 Berlines („Mein Berlin. 50 Blickwinkel, 50 Porträts, 50 Leben, 50 Berlins“, Berlin Amateurs 2013) hat unsere Direktorin Sandra Montes als eine von 50 Teilnehmenden einen Beitrag veröffentlicht. Darin beschreibt sie ihre Anfänge in Berlin, Orte, an denen sie sich gerne aufhält, und ihre persönliche Sicht auf die Stadt. Im Blog könnt ihr heute Auszüge aus dem Artikel in deutscher Übersetzung lesen.
Über das Buch: Das spanischsprachige Buch Mi Berlín. 50 visiones, 50 retratos, 50 vidas, 50 Berlines (Mein Berlin. 50 Blickwinkel, 50 Porträts, 50 Leben, 50 Berlins) vereint 50 Texte über Berlin, verfasst von 50 Menschen aus Lateinamerika und Spanien, die in der deutschen Hauptstadt wohnen oder gewohnt haben. Dazu eingeladen hat sie Projektinitator Berlín Amateurs [http://www.berlinamateurs.com], ein online Freizeit- und Kulturführer für Berlin in spanischer Sprache. Außer den Textbeiträgen enthält das Buch über 200 Fotos der Stadt und ihrer Winkel sowie ein Verzeichnis, wo all jene Orte gesammelt sind, welche die Teilnehmenden empfehlen – eine Einladung, die deutsche Hauptstadt aus dem „iberoamerikanischen“ Blickwinkel kennen zu lernen. Das Buch könnt ihr im Büro der Anda Sprachschule erwerben.
Über Sandra Montes: 2007 kam Sandra, Direktorin der Anda Sprachschule, nach Berlin. Damals hätte sie nicht gedacht, dass sie mehr als wenige Jahre hier bleiben würde. Sie begann als Spanischlehrerin und als Kellnerin zu arbeiten. Bis sie ihre eigene Sprachschule eröffnete.

„Berliner Anfänge

Ich kam in einem schrecklichen Winter kurz vor meinem 25. Geburtstag an. Das ist nicht die beste Jahreszeit, um sich mit der Stadt anzufreunden. Aber es galt Deutsch zu lernen und da war es egal, an was für einem Tag ich damit anfing. Und welche Wetterlage sollte sich besser dazu eignen, nach der Schule gemütlich zu Hause deutsche Grammatik zu pauken, als der kalte Berliner Winter?
Meine Streifzüge begannen in Prenzlauer Berg, im Nordischen Viertel mit den skandinavischen Straßennamen, kurz bevor der Babyboom einsetzte, der diesen Kiez in ganz Europa berühmt machen sollte. Es war eine Zeit, in der ich fortwährend büffelte, mich zwischen Kastanienallee und Helmholtzplatz hin und her bewegte, neue Freunde fand und mich von anderen trennte.
Dann kamen Frühling und Sommer und mit ihnen der Drang, alles kennen zu lernen, was die Stadt zu bieten hatte: Nachmittage im Park und bei Open Airs, Spaziergänge durch Mitte, Friedrichshain und Kreuzberg, Nächte im Berghain und Morgengrauen in der Bar 25.
Ich gehöre zu Friedrichshain
Und allmählich wurde mir etwas klar – eine Entdeckung, die alles ändern sollte: Ich gehöre zu Friedrichshain. Ich suchte mir meine Einzimmer-Wohnung in der Niederbarnimstraße und tauchte auf diese Weise immer mehr in mein Berlin ab.
Die Leute kritisieren Friedrichshain aus vielen und sehr unterschiedlichen Gründen. Ich fühle mich in Friedrichshain zu Hause. Sicherlich ist es nicht so sauber, wie es sein könnte oder sollte, es gibt herumstreundende Gestalten und einige kleine unangenehme Hundegeschenke auf den Bürgersteigen; und die Mietpreise schnellen in die Höhe wie Schaum in der Badewanne. Aber in Friedrichshain habe ich alles vor der Haustür.
Von meiner Wohnung sind es nur wenige Meter bis zum Boxi, wo am Samstag der Wochenmarkt und am Sonntag der Flohmarkt stattfindet. Sobald ein Sonnenstrahl durch die Wolken bricht, ist der Platz ein multikulturelles Gewimmel mit Jung und Alt, mit Eltern und Kindern. Du kannst dich ins Gras werfen und einfach nur beobachten, was um dich herum vor sich geht. Am Platz befindet sich auch die Lisboa Bar, meine Stammkneipe, wo du Kaffee trinken und portugiesische Süßigkeiten probieren, ein Bier oder ein Glas guten Wein zu Tapas genießen kannst, die Besitzer Fernando mit so viel Sorgfalt zubereitet.
[…]

Zwischen Boxi-Kiez und Nordkiez

Meine Sprachschule „Anda Sprachschule“ ist in der Rigaer Straße anzutreffen, unserem Nordkiez. Mit dem Fahrrad bin ich in fünf Minuten jeden Tag zur Stelle, was bei den langen Arbeitsstunden die Lebensqualität steigert. Die Frankfurter Allee trennt das Boxi-Kiez vom Nordkiez, zwei Viertel, die so nah beieinander liegen und trotzdem so verschieden sind. Ich freue mich darüber, in dem einen zu wohnen und in dem gegenüber zu arbeiten, sodass ich jeden Tag meine beiden Kieze erleben kann.
Wenn ich mir ein besonderes Abendessen gönnen möchte, gehe ich ins Feuer und Flamme am Comeniusplatz, ins Schneeweiß in der Simplonstraße oder in die Schweizer Krone in der Simon-Dach-Straße. Einmal pro Monat gehe ich auch in die Vinería del este, ein uruguayisches Lokal, wo es leckere Tapas und Wein zu verköstigen gibt, obwohl das natürlich schon ein etwas höheres Budget erfordert.
Neben meiner Wohnung, in der Gärtnerstraße, hat das B-ware Ladenkino [siehe: http://www.anda-sprachschule.de/de/b-ware!ladenkino] eröffnet, mit vielen Filmen in Originalversion und zum moderaten Eintrittspreis von vier Euro pro Vorstellung. Und falls dich weder die Vorführzeiten noch das Programm überzeugen, brauchst du nur nach nebenan in die Videothek Filmkunst zu gehen, wo ein vielfältiges Angebot und Qualität garantiert sind.
Geschmacksproben aus dem anderen Berlin
Wenn es das Wetter erlaubt, überquere ich mit dem Fahrrad die Oberbaumbrücke und lasse mich im Nachbarviertel Kreuzberg 36 nieder. Dort lese ich El País im Las Primas oder trinke einen fabelhaften Capuccino im Baretto in der Wrangelstraße. Oder ich schaue bei meinen alten Kollegen vorbei, die seit nicht allzu langer Zeit in der Bar Raval gegenüber dem Görli arbeiten.
An Berlin gefällt mir die Multikulturalität, die Vielfalt, die lockere Einstellung. Mir gefällt es, am Wochenende die Möglichkeit zu haben, einen Ausflug zu machen (an Seen wie den Teufelssee oder zu Thermen wie Bad Saarow oder in den Spreewald). Mir gefallen der Alltagsrhythmus, das Leben bei Tag und Nacht und die Bio-Seele.
Aber mein Berlin erstreckt sich nur auf den geographischen Osten, den Westen habe ich kaum betreten und es zieht mich auch nicht hin. Mein Leben spielt sich rund um Friedrichshain ab, sodass es mir manchmal extrem ehrgeizig erscheint zu sagen, „Ich lebe in Berlin“. Berlin scheint mir ein zu großes Wort für meinen begrenzten Aktionsradius.
[…]

Und wenn mich irgendwann einmal etwas aus Berlin vertreiben sollte…

Wenn mich irgendwann etwas aus Berlin vertreiben sollte, wäre es nicht der harte Winter. Es wären auch nicht die Deutschen, nicht die Punks oder die Currywürste oder die Kebabs. Es wären weder der Westen noch die Dekadenz oder Modernität, noch die Bürokratie oder die Sprache. Es wären weder die deutsche Mentalität noch die Copyright-Gesetze noch das Heimweh nach einem Spanien in der Krise.
Wenn mich eines Tages etwas aus Berlin vertreiben würde, wäre es das Gleiche, was mich hergebracht hat. Nur das Schicksal hat eine solche Macht, um einen Ort, an dem du höchstens ein paar Jahre verbringen wolltest, in dein Zuhause zu verwandeln. Und heutzutage ist Berlin, oder der Teil davon, den ich hier beschrieben habe, das, was ich von einem europäischen Gefühl der Entwurzelung aus mein Zuhause nennen kann.“

Übersetzung: Laura Haber
Foto: Schaukeln am Boxi. Der Frühling lockt die Leute auf den Platz (© Anda Sprachschule)