Esther Schwarzrock

Esther Schwarzrock Ansprache

Seit ungefähr anderthalb Jahren konzentrierst du dich allein auf die Musik und trittst auch regelmäßig mit deinen Liedern auf. Könntest du uns ein bisschen von deinem Alltag erzählen?
Das, was meine Herzensangelegenheit innerhalb der Musik ist, also meine eigenen Lieder, sind ja nur ein Teil davon. Ich leite noch Chöre nebenbei, ich unterrichte, ich spiele in Gottesdiensten und ich studiere Kirchenmusik.
Das hört sich nach einem vollen Tag an.
Ja, das ist so. Einen freien Tag gibt es nicht.
Was sind die Themen deiner Songs?
Viel Leben, Liebe, Leid. Und auch Staunen und Dankbarkeit. Dieses „boah, ist das schön!“ Auch ein Wundern über Dinge. Wünsche, Träume.
Ich finde bemerkenswert, dass du in vier verschiedenen Sprachen singst. Wie kommt es dazu?
Das hat sich ergeben, weil ich in verschiedenen Ländern war. Davor habe ich auf Englisch geschrieben, weil ich dachte, das macht man so. Als Kind und Jugendliche habe ich viel Queen und sowas gehört und habe dementsprechend angefangen, auf Englisch Lieder zu schreiben. Später dann auch auf Deutsch. Dann bin ich schon während der Schule in Argentinien gewesen, da kam das Spanische dazu. Und in Schweden habe ich gemerkt, dass Schwedisch eine sehr schöne Sprache zum Singen ist, weil sie sich sehr gut im Mund formt.
Wie wählst du die Sprache für ein neues Lied aus?
Meistens kommt die Melodie sofort mit der Sprache zusammen. Jede Sprache hat ihren Ausdruck. Für bestimmte Lieder brauche ich das Schwedische und für andere brauche ich das Spanische. Das ist ja eng verknüpft mit der Sprachmelodie und auch mit der Art und Weise, wie man Sachen ausdrückt oder meines Erachtens typischerweise ausdrückt. Also wie direkt und wie indirekt, wie fröhlich, wie traurig oder wie man an sich formuliert, ist in jeder Sprache unterschiedlich.
Kannst beschreiben, was die Unterschiede zwischen den Liedern sind, je nachdem in welcher Sprache du sie schreibst?
Das Spanische ist so dieses: Ich hab irgendwas in mir drin, ich geh raus auf die Straße und ich sag´s den Menschen. Die schwedische Variante wäre: Ich gehe in die weite Landschaft hinein, vielleicht ist da eine einsame, verlassene Hütte und da setz ich mich hin und schreie alles raus. Der Zuhörer ist die Landschaft. Im Spanischen kann man es vielleicht ein bisschen kitschiger sagen – oder ich mache es so – und im Schwedischen ist es vielleicht ein bisschen härter.
Das Deutsche ist ganz schwierig, weil mich die Menschen direkt verstehen. Denn hinter einer Sprache kann man sich ja auch verstecken. Ich kann viel deutlicher auf Schwedisch singen und sprechen als auf Deutsch. Das heißt, ich habe beim Schwedischen immer noch das Gefühl, dass da eine Schutzwand ist. Beim Deutschen muss ich mir schon sehr sicher sein, ob ich wirklich alles so direkt rauslassen möchte.
Die deutschen Texte kann ich auch komisch machen. Das habe ich noch nicht so viel gemacht, aber jetzt fange ich gerade damit an.

Du meinst, humorvollere Texte zu schreiben?
Genau. Ironie finde ich super schwierig in einer Fremdsprache, da wage ich mich lieber nicht ran. Und dann können die Texte im Deutschen viel bildhafter sein, weil ich oft Bilder benutze, die man so nicht in eine andere Sprache übertragen kann. Und auf Englisch werden es dann Poplieder, ein bisschen seichter.
Wie ist das vom Rhythmus, von der Melodie, gibt es da auch spezifische Merkmale je nach Sprache?
So direkt kann ich das nicht sagen. Ich kann sagen, dass die meisten schwedischen Lieder von der schwedischen Folklore inspiriert sind und dass die spanischen mehr von… – naja, nicht von der argentinischen Folklore, oder vielleicht doch ein bisschen, ein bisschen vom Tango und von den lateinamerikanischen Liedermachern inspiriert sind.
Du hast also eine Weile in Argentinien und in Schweden gelebt. Was hast du aus dieser Zeit mitgenommen?
In Argentinien war ich insgesamt dreimal, immer in Buenos Aires. Dort habe ich ganz viel Musik aufgesogen, habe vor allen Dingen Tango gehört, habe mir verschiedene Orchester angehört, viel Tanz, und habe das aufgesaugt. Hinterher habe ich gemerkt, dass alles jetzt wieder raus muss. Und in Schweden habe ich die ganze Zeit aktiv Musik gemacht, in Chören gesungen. Auch nach meinem Erasmusjahr bin ich häufiger hingefahren, habe eine Gesangswoche mitgemacht, wo ich schwedische Volksweisen gelernt habe. Die schwedische Volksmusik interessiert mich sehr und wie das dort gelebt wird – was es hier in Deutschland nicht gibt: Die Leute kennen ihre Lieder von früher, sie singen sie auch und tauschen sich aus.
Also würdest du sagen, in Schweden gibt es noch eher so etwas wie „Volksmusik“?
Ja, absolut. Insgesamt kann man schon sagen, dass diese Auslandsaufenthalte immer sehr stark mit der Musik verbunden sind. Und zwar möchte ich, wenn ich irgendwohin gehe, das Authentische dieses Ortes und der Menschen dort mitkriegen und ich denke, dass man das über die Musik gut kann. Weil man sich über die Musik so unmittelbar ausdrückt und eine Nation ihre Seele reingibt. Obwohl die Musik kulturell jeweils etwas ganz Eigenes ist, ist sie gleichzeitig ein Anknüpfungspunkt. Sie ist wie eine Sprache und auf diese Weise kann man auch als Außenstehender in diese Welt eintreten.
Du hast von verschiedenen Inspirationsquellen gesprochen: Queen, schwedische Folklore, Tango. Wie würdest du denn deinen persönlichen Musikstil beschreiben?
Das weiß ich nie, wie man das sagen soll, das ist ganz schwierig. Folk trifft es nicht ganz, Pop auch nicht. Es gibt ja mittlerweile viele in diesem Genre der Liedermacher, die sich nicht gut einordnen lassen. Es hängt auch von der Instrumentierung ab, wie das klingt. Dadurch dass ich inzwischen eine kleine Band habe, kommt natürlich eine ganze Spannweite neuer Ausdrucksformen dazu. Eine Freundin meinte zu mir, jetzt würde man erst sehen, was in meinen Liedern steckt. Ich meine, ich höre das die ganze Zeit schon, aber Außenstehende vielleicht nicht immer, wenn ich alleine spiele. Manches bekommt jetzt erst den Klang, den es für mich innen drin immer schon hat.