Drei Muttersprachen – Santiago Engelhardt

Der Berliner Fotograf Santiago Engelhardt ist in Argentinien, Kolumbien und Brasilien aufgewachsen. So kann er nicht nur Deutsch, die Sprache seiner Eltern, sondern auch Spanisch und Portugiesisch akzentfrei sprechen. Über sein Verhältnis zu diesen drei „Muttersprachen“, seine Fotografie und seine Liebe zum Reisen haben wir uns im Interview unterhalten.
Anda: Seit September ist eine Ausstellung von dir im Ethnologischen Museum in Dahlem zu sehen. Sie heißt „Palmen als Zeitzeugen“. Welche Idee steht hinter dieser Ausstellung?
Santiago Engelhardt: Die Ausstellung besteht aus 18 Bildern. Meine ganzen Freunde meinten ja, ich würde „schöne Bilder“ von Palmen ausstellen, aber eigentlich sind es Landschaften oder Lebensräume mit Palmen. Es geht darum, dass Palmen zum Teil von Kulturen gepflanzt und gepflegt wurden und weiter existieren, auch wenn diese Kulturen nicht mehr oder in ganz anderer Form existieren. Die Palmen existieren aber weiter und bezeugen, was geschieht.
Hast du denn ein Lieblingsbild in der Ausstellung?
Da gibt es mehrere. Eines, das ich sehr mag, ist das mit dem Dreyfus-Turm in Französisch-Guayana bei Kourou. Ein zweites ist aus Malaysia von einem Menschen, der mit einem Eimer eine Palme hochklettert. Ich weiß bis heute nicht, was er da eigentlich geerntet hat. Aber es passt gut zur Ausstellung, da Palmen auch ein wirtschaftlicher Faktor für die Gesellschaft sind.
Du bist schon durch fast alle Erdteile gereist. Welche Regionen faszinieren dich am meisten und warum gerade diese?
Besonders abgelegene Regionen der Welt, tropische Regionen, nicht sehr dicht besiedelte Orte. Das bestätigt meine romantische Sicht der Welt: So wie ich die Welt gerne hätte, das finde ich an diesen Orten noch. Das ist meistens abseits von großen Metropolen und vom Massentourismus. Die interessantesten Orte sind für mich deshalb das nördliche Südamerika, Brasilien, die Guayanas, Venezuela und Kolumbien – oder Südostasien: Malaysia, Indonesien, Laos, Kambodscha, Thailand, Birma, Indien. Vielleicht irgendwann auch die Südsee, weil ich glaube, sie ist das „Ende der Welt“. [Lacht.]
Was sind die ästhetischen oder technischen Prinzipien, denen du beim Fotografieren folgst?
Technisch ist zu sagen, dass ich ausschließlich analog fotografiere und nichts digital; und es wird auch in keinster Weise digitalisiert. Das heißt, alles verarbeite ich in der Dunkelkammer und alle meine Bilder sind in schwarz-weiß. Mein einziges ästhetisches Prinzip ist, dass die Bilder nicht beschnitten werden. Es wird niemals ein Ausschnitt, sondern immer das volle Negativ abgebildet. Das führt dazu, dass manche Bilder ausgemustert werden, weil in der Ecke etwas drauf ist, was nicht drauf sein sollte und auf diese Art und Weise das gesamte Bild stört. Während man in einem anderen Falle einfach einen Ausschnitt machen könnte, ist das Bild in dem Moment einfach nicht benutzbar.
Woher kommt dieser strikte Grundsatz?
Für mich ist das Wichtigste, das Bild im Moment perfekt aufzunehmen und nicht später zu perfektionieren, was die meisten Fotografinnen und Fotografen ja heutzutage machen. Bei Auftragsarbeiten mache ich das teilweise auch, dass ich in dem Moment Material sammle und das später bearbeite. Bei dieser anderen Stilrichtung, deren berühmtester Vertreter Henri Cartier-Bresson war – und das habe ich erst viele Jahre später erfahren – ist es so, dass das Negativ das Originalbild ist und nicht die Masse, an der man arbeitet und ausschneidet, bis es ein Bild wird. Dazu kommt meine persönliche Begeisterung dafür, dass es auf den Abzügen der Negative einen weißen Rahmen gibt und dann eine kleine schwarze Linie, die das Bild umrahmt. Ich kann mich mit Abzügen, die keinen weißen Rand haben, einfach nicht anfreunden.
Das andere ist der Stil, den man sich angeeignet hat. Ich arbeite viel mit Silhouetten und fotografiere gegen den Himmel. Die meisten Bilder sind nicht sehr detalliert und eher abstrakt, sodass sie auch in klein wirken.

Kommen wir zu deiner Person: Obwohl deine Eltern Deutsche sind, hast du deine Kindheit und Jugend in Lateinamerika verbracht. Was bedeutet es für dich heute, dass du in Ländern wie Argentinien, Kolumbien und Brasilien aufgewachsen bist?
Ich betrachte es als eine Bereicherung. Es ist wichtig, dass ich das mitbekommen habe, weil es mir auf meine Wahlheimat Deutschland eine andere Sicht gibt. Ich betrachte es mehr von außen. Meine Freunde ertappen mich manchmal immer noch dabei, wenn ich sage „ihr Deutschen“. Obwohl ich einen deutschen Pass habe, sehe ich mich immer noch nicht so hundertprozentig als deutsch an, wie andere Leute das tun. Lateinamerika ist etwas Vertrautes, eine Heimat, in die ich immer wieder zurückkehre.

Durch diesen persönlichen Hintergrund kannst du die drei Sprachen Spanisch, Portugiesisch und Deutsch sozusagen „muttersprachlich“ sprechen. Welche Unterschiede gibt es in deiner Einstellung zu diesen drei Sprachen?
Deutsch ist die Sprache, mit der ich erzogen wurde und die ich die Hälfte meines Lebens, seitdem ich in Deutschland bin, irgendwie lebe. Und trotzdem habe ich immer das Gefühl gehabt, dass ich es nicht wirklich gut spreche, wie die Leute, mit denen ich zu tun habe. So richtig gut gefällt mir Deutsch auch nicht. Ich finde die Sprache hart und schwierig für Leute, die nicht mit ihr aufgewachsen sind. Spanisch habe ich vor allem in meiner frühen Kindheit gelernt. Es ist mir zwar sehr vertraut, aber ich habe auch einen großen Respekt davor, besonders beim Schreiben, weil meine Schulbildung auf Spanisch früh endete. Als ich neun Jahre alt war, kam das Portugiesische und es ist die Sprache, die ich immer noch am liebsten spreche, am liebsten höre und auch am längsten gelernt habe. Für mich ist Portugiesisch einfach schöner, melodischer, weicher – und manchmal auch noch ein bisschen exotischer als Spanisch für viele Leute [kichert].

Warum wohnst du heute in Berlin?
Ich kam mit siebzehn nach Deutschland. Meine Eltern haben mich nicht nach Hamburg gehen lassen, wo ich eigentlich hinwollte. Berlin kannte ich gar nicht, weil meine Familie nie einen Bezug zum Osten hatte. Meine älteren Schwestern waren in Mainz und da konnten sie ein Auge auf mich werfen und deshalb bin ich in Mainz gelandet. Da hat mich ein alter Freund aus der Schule in Brasilien besucht. Er war der einzige, alle anderen wollten in dieses Kaff nicht kommen. Dann kam er nach Deutschland und fing an, in Berlin zu studieren. Er hat mich so unter Druck gesetzt, dass ich ihn in Berlin besuchen muss, dass ich mich endlich aufgerafft habe. Und da habe ich mich in die Stadt verliebt. Zwei, drei Jahre lang bin ich immer wieder hergekommen, und habe auch gemerkt, dass es beruflich und künstlerisch viel interessanter ist als Mainz, und auch als Hamburg oder Köln oder München. Deshalb habe ich vor zwölf, dreizehn Jahren den Umzug gemacht.
Ganz besonders schwärmst du auch für Hongkong. Woher kommt diese Liebe?
Zuerst hat mir mein Vater immer davon erzählt, wie toll es in Hongkong sei. Er war da mal in den 60er Jahren. Vor inzwischen fast zwanzig Jahren hatte ich dann zum ersten Mal die Gelegenheit, nach Asien zu fliegen, und dachte, dann muss ich nach Hongkong. Ich erwartete eine wilde Hafenstadt, voller Matrosen und Prostituierter und kam sehr ängstlich dort an. Aber dann fand ich einen sehr faszinierenden Ort vor, der sehr geordnet, sehr eng, sehr schnell, sehr laut, sehr organisiert, aber vor allem eine unglaublich interessante Mischung aus der chinesischen und britischen Kultur ist: ein Stück Großbritannien in China, das ist bis heute für mich immer noch die spannendste Mischung, die ich je gesehen habe, auch wenn sie nachlässt. Und das alles auf sehr engem Raum, an einem sehr spannenden Ort, an einer Bucht mit den zweihundert Inseln, die da vorliegen. Das hat mich ziemlich umgehauen. Seitdem fahre ich jedes Jahr hin, wenn es irgendwie geht.