Die Berlins der Welt

Berlin Falls„Berlin war und ist eine Weltstadt.“ Dem Zitat des Fotografen Harry Hampel mag man ohne große Umschweife beipflichten. Ob man aber sogleich die Ironie seines Wortspiels durchblickt? Schließlich geht es um die Berlins der Welt! Auch wenn der Duden diesen Plural nicht kennt, existieren neben der deutschen Hauptstadt eine Menge Orte auf unserem Planeten, die den Namen „Berlin“ tragen. 118 hat das geographische Institut der Technischen Universität Berlin einmal gezählt: Von Europa über die Antaktis bis in den pazifischen Ozean liegen die Berlins verstreut; Städte und winzige Siedlungen, Sümpfe, Berge und Kaffeeplantagen nennen sich wie die europäische Metropole Berlin.
Eine gute Übersicht mit zahlreichen Links zu den Internetportalen der betreffenden Orte bietet die Seite www.berlin.de/global auf der offiziellen Homepage des Landes Berlin. Die meisten Berlins liegen demnach in den USA und davon wiederum die meisten an der Ostküste. Das habe historische Gründe: Aus Dankbarkeit gegenüber den preußischen Alliierten und insbesondere Friedrich dem Großen seien viele von ihnen während des Amerikanischen Unabhängigkeitskampfes so benannt worden. Das kleinste dort aufgelistete Berlin, North Dakota, hat gerade mal 35, New Berlin, Wisconsin, zählt dagegen knapp 40.000 Einwohner.
Am ältesten scheint Berlin, Maryland, zu sein. 1677 gegründet wuchs es in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts mit dem Zustrom von Touristen, die den Ort zum Jagen und Fischen besuchten. Im Film „Die Braut, die sich nicht traut“ dient er als Kulisse für den fiktiven Ort Hale, Heimatort von Julia Roberts in der Rolle der Protagonistin Maggie Carpenter. Heute hat Berlin, Maryland, etwa 3.500 Einwohner.
Berlin, Ohio, beheimatet die größte Gemeinde der Amish People in den USA. 3.500 Angehörige dieser christlichen Gemeinschaft erhalten bis heute den Lebenstandard des 18. Jahrhunderts aufrecht: keine Elektrizität, kein Telefon – inzwischen aber viele Touristen.
Ganz anders im Westen: Berlin, Nevada, aus dem späten 19. Jahrhundert ist heute eine Geisterstadt, Besucher treffen auf eine verfallene Mine, den Friedhof und augenscheinlich überstürzt verlassene Häuser.
Die beiden Berlins an der Ostküste Kanadas heißen tatsächlich East und West Berlin. Es handelt sich dabei anscheinend um die gegenüberliegenden Ortsteile derselben Stadt. Laut dem Hobbyhistoriker Borden Conrad soll es eine Lehrerin gewesen sein, die deren früheren Namen, Blueberry, als peinlich empfand. Als sie 1871 über die Gründung des Deutschen Reiches gelesen habe, sei ihr die Idee zur Umbenennung in „Berlin“ gekommen.
Nicht weniger häufig kommen Berlinreisende in Mittel- und Südamerika auf ihre Kosten. Berlin in den Bergen? Das ist möglich in El Salvador. Berlin am Karibikstrand? Im Südwesten Jamaikas ist Berlin ein ruhiger, fast menschenleerer Flecken Erde. Die höchste Kriminellenrate? Die hat vermutlich ein kolumbianisches Gefängnis dieses Namens 400 Kilometer südlich von Bogotá. Gute Aussichten? Sollte das auf 4.000 Metern wohl höchstgelegene Berlin der Welt in den argentinischen Anden zu bieten haben. Tropische Nächte? Könnten dich an der Laguna Berlin in einem Dschungelgebiet in Bolivien erwarten. Allerdings sei die wasserreiche Flussregion nur per Lufttaxi zu erreichen, wie berlin/global vermerkt hat. Und damit ist die Liste der amerikanischen Berlins noch lange nicht zu Ende.
In Deutschland hat Berlin dagegen nicht viele Geschwister. Bemerkenswert ist am ehesten Berlinchen, das zwar nicht zu den Jüngsten in der Familie gehört, doch aber zu den Kleinsten: 1274 erstmals als „minoris berlin“ urkundlich erwähnt, liegt es im Norden Brandenburgs und zählt 288 Einwohner. Dabei hat es sogar Groß Berlin überlebt, einen Ort in der Nachbarschaft, der heute nicht mehr existiert.
Die italienschen Versionen Berlingo und Berlinghetto, Berlini und der Berg Monte Berlino in den Ligurischen Alpen sind allesamt im Nordteil des Landes anzutreffen. Für Berlinti in Moldawien ist die Wettervorhersage ohne Weiteres googlebar. Noch weiter östlich liegen Berlin und Berlintsy auf ukrainischem sowie Berlinsky und Berlinka auf russischem Territorium. Rarer sind die afrikanischen Berlins, zweimal taucht der Name in Südafrika, einmal im Tschad auf. Sollte das Fernweh noch größer sein, stehen verschiedene Himmelsrichtungen zur Wahl: Warm anziehen sollte man sich für eine Tour zum Doppel-Vulkan namens Mount Berlin in der Antarktis; wer auf 3.478 Metern Höhe angekommen ist, darf in den Berlin Crater blicken und zugleich von sich behaupten, den sechsthöchsten Vulkan des ganzen Kontinents bestiegen zu haben. Als Fortsetzungsroute bietet sich der Weg über das australische Berlino Homestead an. Da es sich hier offenbar jedoch um eine längst aufgegebene Siedlung handelt, zwischen 816 und 2.265 km von den 25 größten Städten des Landes entfernt, ist es ratsam, schnellstens nach Neuseeland weiterzureisen. Dort wartet das Hotel Berlin, 1874 vom Göteborger John Berlin gegründet, auf müde Reisende. Es scheint nicht nur ein idyllischer, sondern auch ein sicherer Ort zu sein. Zwei schwere Erdbeben hat es überstanden, die den Rest des Ortes vollkommen zerstörten. Die sechs Einwohner nehmen nach Aussage der Familie Reynolds, die das Hotel heute betreibt und deren E-Mail das Berlin, das alle Welt kennt, auf seinem Hauptstadtportal veröffentlicht hat, gerne Geschenke von Touristen wie Berliner Flaggen und Bären entgegen – wenn auch der Name in diesem Fall auf den oben genannten Schweden zurückgeht.
Etwas größer ist dann schon wieder Berlin Harbour in der Provinz Sandaun in Papua-Neuguinea. Auch bekannt als Aitape, Berlin Reede, Berlinhafen, Bodinhafen und Eitape belegt es nach dem Zensus von 2007 mit 5.790 Einwohnern den 26. Platz in der Rangliste des drittgrößten Inselstaates der Welt.
Aus dem polnischen Barlinek, das sich vor 1974 unter anderem Nova Berlyn nannte, stammt der bislang einzige deutsche Schachweltmeister Emanuel Lasker. Allerdings behauptete er den Titel unübertroffene 27 Jahre lang von 1894 bis 1975.
Der von Berlin faszinierte und oben zitierte Fotograf Harry Hampel hat sich 1996 auf eine Weltreise zu 65 Berlins begeben. Das Ergebnis war zum Einen eine Ausstellung mit dem Titel „Berlin liegt nicht nur an der Spree“ 1997 im Säulensaal des Roten Rathauses und zum Anderen das Buch „Von Berlin über Berlin nach Berlin“, 1998 erschienen beim Verlag Rütten&Loening. Ein Leser im Internetforum Büchereule gelangte an einem Wühltisch zum Schnäppchenpreis an den „Juwel“: Eigentlich sei der Bildband recht unspektakulär. Anstelle rauschender Meere, stahlblitzender Wolkenkratzer und idyllischer Landschaften sehe man staubige Provinzkäffer. Sein Resümee: „Ein interessantes Buch […] Nicht nur für Berliner, sondern auch für Berlin-Sympathisanten.“
Den Landstrich Berlin im extremen Süden Chiles hat Harry Hampel allerdings nie erreicht. Auf dem Weg zu diesem Inselzipfel musste der Fotograf vor Sturm und Schnee kapitulieren – und mit seinem Schiff umkehren. Das wäre doch ein Anlass, demnächst eine exklusive Anda-Exkursion für Spanischstudenten (und alle, die Lust haben) anzubieten. Kommst du mit? Berlin ist das Ziel.