b-ware! Ladenkino

b-ware! Ladenkino Innenansicht

Aufgepasst!
Ein Programmkino in Plüsch und eine Videothek für Verwegene: Das b-ware!ladenkino mit der benachbarten Videothek „Filmkunst“ ist Kiezkino des Anti-Mainstream und zeigt immer mal wieder auch Filme im Originalton.
Auch wenn B-Ware „zweite Wahl“ bedeutet, mag es nicht verkehrt sein, das Buchstabenspiel als „Be aware“ zu lesen, denn – aufgepasst! – hier gibt es Sehenswertes erster Klasse zu erleben. Zu viel Inaktuelles geistert allerdings durchs Internet, da sei doch besser vor Ort nachgefragt und siehe da: Videothekar Michel gibt freudig Auskunft, zwischen DVD-Regalen, die handbeschriftete Rubriken tragen, die nicht allerorten verfügbar sein dürften. Während Michel einen Kunden bedient, offenbart ein Blick in die verschachtelte Innenoptik der „Filmkunst“ genau das, was sie auf dem Flyer verspricht: „Klassisches & Kurioses“.
Gleich links des Eingangs kündigt „Hot as Hell. Brandneue Filme von übermorgen“ an und gegenüber prangen die „Neuheiten Horror“, dass es für Fans dieses Genres schwer sein könnte, auch nur einen Schritt weiterzugehen. Weniger Nervenkitzelbegeisterte werden nebenan bei den persönlichen Tipps der Mitarbeiter*innen aufatmen und alsbald, angesichts der Berlinale 2013-Filme, die im Februar verpassten Gelegenheiten nicht mehr bereuen müssen. Und inmitten all des 50er-Jahre-Mobiliars und altehrwürdiger 35-Millimeter-Projektoren protzt ein riesiger Samsung-Flat-Screen in der Sesselecke vor sich hin und wartet auf… Ja, worauf eigentlich?
Gegründet wurde das ladenkino 2005. Es hat sich der „foerderung des b-sonderen films“ verschrieben und tut dies in dreifacher Hinsicht: Vorführungen im ladenkino, Verleih in der „Filmkunst“-Cinethek und Vertrieb unter den hauseigenen DVD-Labels Cinema Surreal, b-there! und visimundi. Gezeigt werden nach eigener Aussage „vorwiegend die schoeneren filme, die woanders vernachlaessigt werden“. Konkreter heißt das Off-Programm-Kino, wobei für Freunde des Originaltons auch immer mal wieder fremdsprachige Originalversionen (mit Untertiteln) dabei sind. Michel braucht eine Weile, um aufzuzählen, was schon dagewesen ist: darunter Englisch, Spanisch, Italienisch, Französisch, Portugiesisch, Rumänisch, Russisch, Japanisch, Tagalog (die meistgesprochene Sprache auf den Philippinen). Und gelegentlich, was für die vielen nichtdeutschen Muttersprachler*innen in Berlin interessant ist, kommen die deutschen und österreichischen Filme mit englischen Untertiteln.
Das erlesene Programm stellen vor allem Kinobetreiber Skalli sowie seine Mitarbeiter zusammen: „Genre- und Independentfilme, Klassiker des Kunstfilms und all das andere Gold, das sich an den Ufern des Mainstreams heraussieben lässt“, wie es der tip formulierte, als das ladenkino noch in der etwas abgelegeneren Corinthstraße hinter einem unscheinbaren Hauseingang residierte. Seit dem Sommer 2011 heißt die Adresse Gärtnerstraße 19, befindet sich also fast da, wo der Friedrichshainer Bär rund um den Boxi steppt. Aber eben nur fast; während früher vor allem Laufkundschaft und Touristen einen Blick hinter die Türen geworfen hätten, komme in der neuen Lage eher Kiezpublikum – wohl um auf dieser Insel im Gentrifizierungssumpf „guten alten Zeiten“ zu frönen. Aber auch Reisende auf der Flucht vor dem Massentourismus, die nach wie vor hereinstolperten, würden sich sich über die freundliche Aufnahme freuen und dann erzählen, dass solche Orte „bei ihnen“ schon größtenteils ausgestorben seien.
Alle ein bis zwei Wochen kommen neue Filme ins laufende Programm, ein Film ist mindestens zwei, bei Erfolg drei oder vier Wochen lang zu sehen. Außerdem gibt es fortlaufende Angebote wie das „Knirpsenkino“ (pädagogisch-kreatives Selbstmachkino mit spielerischer Einführung in die Kinogeschichte für 2,5- bis 6-Jährige) und „Midnite Movie“ sowie die Partyreihe „Finnischer Freitag“, natürlich mit finnischen DJs. „Portugiesischen Rotwein und traditionell zubereiteten Kaffee, den wir aussschließlich syrup-frei und mit frischer Bio-Milch“ zubereiten, ist sowieso schon im Angebot, für die Zukunft formt sich der Plan, einen richtigen Barbetrieb im Kino zu installieren.
Eine Form des public viewing bietet dagegen die Videothek seit Juli mit dem privaten Fernsehkanal TELE 5 an. Der „Sender mit schlechtem Ruf“ serviert zur Trashfilmreihe „Die schlechtesten Filme aller Zeiten“, die Oliver Kalkofe und Peter Rütten moderieren, einen „special cocktail“. Die Abende seien gut besucht, meint Michel, und angeblich erreichten die Filme, die deutschlandweit in der prime time Freitagabend ausgestrahlt werden, die höchste Einschaltquote für den Sender. Übrigens: Dafür hat TELE 5 den glänzend schwarzen Samsung reingestellt, der in dieser nostalgisch-angestaubten Umgebung so merkwürdig ins Auge sticht.
Erst spät fällt auf, dass neben dem Tresen mit Kaffeemaschine und Kuchenglocke ein Durchgang in ein Hinterzimmer führt. Noch mehr DVDs sortieren sich hier nach den Erdteilen und werden bewacht von einem Monstertypen. Im Anzug aus einem zusammengeflicktem Sack thront er in seinem Rollstuhl in der Ecke, blickt dir entgegen, als wärst du endlich im einzig wahren Film gelandet. Ausgang ungewiss.
Zurück zum Nachbarn: Mit seinem Namen knüpft das b-ware!ladenkino an die Frühzeit des Kinos an. Ladenkinos waren leerstehende Läden, die als Vorführräume genutzt wurden, der Eintritt sollte für alle erschwinglich sein. Über die vier bis sechs Euro pro Film kann man sich dann auch wirklich nicht beschweren. Spätestens aber beim Anblick der roten Polstermöbel, zu denen sich eigentlich auch die Schaukeln und Hochbetten aus dem früheren Mobiliar wieder dazugesellen sollten, wirst du dir nichts sehnlicher wünschen, als dich in den Sitz zu kuscheln und in der Dunkelheit auf bewegte Bilder zu starren – die ganz gewiss eine „b-merkenswerte“ Story zu erzählen haben.
Film-Menü und Blog findet ihr auf der Website www.ladenkino.de.