Andas Nachbarn: Das Jugend[widerstands]museum

Andas Nachbarn: Jugend[widerstands]museum

Heute präsentieren wir euch Teil zwei unserer Serie, um euch unsere interessanten Nachbarn rund um die Sprachschule vorzustellen. Diesmal haben wir Robert Schwind getroffen, denn er ist der Geschäftsführer des Jugend[widerstands]museums in der Galiläakirche. Im Interview könnt ihr nicht nur erfahren, was es im Museum – selbst ein Ort des Geschehens – zu sehen gibt, sondern auch wie stark sich der Stadtteil um die Rigaer Straße in den letzten Jahrzehnten gewandelt hat.

Anda: In Berlin gibt es ja unglaublich viele Museen. Wie würden Sie in dieser Museumslandschaft das Jugend[widerstands]museum verorten?
Robert Schwind: Es ist ein kleines Museum und es besetzt mit seiner Thematik nur eine Nische. Aber diese Nische, den Widerstand von Jugendlichen in der DDR und dann auch etwas breiter gefasst zu dokumentieren, funktioniert hier gut. Friedrichshain ist „jung“ und zieht junges Publikum an und natürlich sind in Friedrichshain auch viele Touristen unterwegs. Sie machen mehr als die Hälfte unserer Besucher aus. Daneben machen wir Gruppenangebote für Schulklassen oder Bildungsträger wie internationale Jugendaustausche – letzte Woche war zum Beispiel eine palästinensisch-israelische Gruppe da, die Woche davor eine französische.
Was genau gibt es denn im Jugend[widerstands]museum zu sehen?
Die größte und aufwendigste Ausstellung ist die zum Jugendwiderstand in der DDR. Die Galiläakirche ist ein sehr authentischer Ort des Widerstandes, weil Gerhard Cyrus, der hier in den 1970er bis 1990er Jahren Pfarrer war, sehr viel mit jugendlichen Punks gearbeitet hat. Diese Kirche wurde zum Punker-Treffpunkt und es hat auch mal eine Punkband mitten im Gottesdienst gespielt – das war ein Novum. Die Hausbesetzerszene, also die Wendezeit, wird in der Ausstellung auch noch dargestellt. Dann haben wir vorne in der Bibliothek eine etwas kleinere Ausstellung zum Jugendwiderstand im Dritten Reich mit Schwerpunkt auf Friedrichshain. Und schließlich gibt es die Wechselausstellungen. Zurzeit haben wir eine Ausstellung zu den spanischen Jugendprotesten von 2010 bis heute, zur sogenannten Bewegung 15-M.
Was bedeuten die eckigen Klammern im Museumsnamen?
Die eckigen Klammern bei dem Wort Jugend[widerstands]museum sollen den Charakter des Museums in dreierlei Hinsicht zum Ausdruck bringen. Einerseits ist dieses Museum ein Jugendmuseum, das sich explizit an eine jugendliche Zielgruppe richtet. Andererseits ist es ein Widerstandsmuseum, das politischen Widerstand in unterschiedlichen politischen und geografischen Kontexten dokumentiert. Schließlich ist es ein Jugendwiderstandsmuseum, das den Schwerpunkt in der Dokumentation auf den politischen Widerstand von Jugendlichen legt.
Was ist eigentlich aus den Jugendlichen geworden, die sich zu DDR-Zeiten in der Galiläakirche trafen?
Das ist unterschiedlich. Wir haben einen ehrenamtlichen Mitarbeiter, der aus dieser Szene von früher kommt, ein Friedrichshainer Altpunk. Neben den Ausstellungen machen wir Veranstaltungen und da hatten wir auch mal ein Punkkonzert von einer Punkband, die früher schon hier gespielt hat. Von diesen Punks gibt es noch relativ viele und relativ viele wohnen noch in Berlin.
Wenn in der Rigaer Straße ein so wichtiger Treffpunkt der Punk- und Jugendszene war, stelle ich mir vor, dass hier ein Geist geherrscht haben muss, der in der DDR besonders war. Kann man sagen, dass davon bis heute etwas geblieben ist?
Die Gegend hier ist ja im ständigen Wandel. In den 1980er Jahren war sie eine der schlechtesten in ganz Ostberlin. Es gab den Begriff des „Negerviertels“, nicht weil hier Afrikaner gelebt hätten, sondern weil es die Stadt Ost-Berlin nicht für nötig befand, die Straßenlampen anzuschalten und deswegen nachts alle Menschen schwarz waren. Es war wirklich ein abgehängtes, verfallenes Wohnquartier. Und es gab das, was für die DDR untypisch war, nämlich Wohnungsleerstand. Diese Wohnungen hat man über die kommunale Verwaltung vergleichsweise leicht bekommen. Jeder, der in dem Raster, wenn es um gute Wohnungen ging, ganz weit unten lag, landete hier: Oppositionelle, Unangepasste. Teilweise wurden Wohnungen auch einfach besetzt.
Wie hat sich das mit dem Mauerfall und der Wiedervereinigung verändert?
Mit dem Mauerfall direkt hat sich erst einmal nichts verändert, aber in den 20 Jahren danach hat sich in Friedrichshain die Bevölkerung mindestens einmal komplett ausgetauscht. Die Hausbesetzerszene, die dann kam und damals in die überwiegend leerstehenden Häuser gedrängt ist, brachte natürlich nochmal zusätzlich Leben in dieses Quartier. Mit den Sanierungsförderungen der Bundesregierung und den Abschreibungsprogrammen auf Eigentumswohnungen in den 1990er Jahren wurde natürlich auch hier saniert und die steigenden Mieten sorgten für Wegzug.
Wie würden Sie das Viertel um die Rigaer Straße heute charakterisieren?
Es ist immer noch im Umbruch. Aber man weiß nicht, wo es hingeht, ob die übriggebliebenen Nischen von damals bleiben oder ob die besetzten Häuser alle verschwinden. Hier gegenüber gibt es noch das Eckhaus Liebigstraße. Auch das Gebäude, wo der Kiezklub Lauschangriff drin ist, ist ein ehemals besetztes Haus; in der Schreinerstraße und in der Samariterstraße gibt es jeweils noch eins. Es sind also schon ein paar, die sich noch gehalten haben.
Die Hedwig-Wachenheim-Gesellschaft e.V., deren Geschäftsführer Sie sind, ist Trägerin des Jugend[widerstands]museums. Wie kam es dazu?
Die Hedwig-Wachenheim-Gesellschaft ist an sich ein Beschäftigungsträger. Es gibt sie seit 2005 und wir machen in erster Linie arbeitsmarktpolitische Maßnahmen. Zu dem Museum kamen wir mehr oder weniger wie die Mutter zum Kind. Ein ehemaliger Bezirksstadtrat und Diakon der evangelischen Kirche hatte die Idee, hier in dieser leerstehenden Kirche ein Museum aufzubauen, das den Jugendwiderstand in verschiedenen Facetten dokumentiert, und zwar in erster Linie den in der DDR. Das war die Grundidee 2007/2008. Am 9. November 2009 wurde das Museum eröffnet.
Durch die Hedwig-Wachenheim-Gesellschaft wurde das Museum über Maßnahmen vom zweiten Arbeitsmarkt entwickelt. Was bedeutet das konkret?
Alle Mitarbeiter, die die Öffnungszeiten sicherstellen, sind entweder über MAE (Arbeitsgelegenheit mit Mehraufwandsentschädigung) oder über Bürgerarbeit da. Bürgerarbeiter sind sozialversicherungspflichtig beschäftigt und haben einen ganz normalen Arbeitsvertrag, während die MAE-Teilnehmer weiterhin Hartz IV bekommen sowie zusätzlich 1,50 Euro pro Stunde für die gemeinnützige Arbeit, die sie hier leisten. Wir haben zum Beispiel einen Mitarbeiter, der diese Arbeit sehr gerne macht, weil das Museum seine eigene Lebensgeschichte widerspiegelt.
Foto: Treffpunkt Galiläakirche. Zu DDR-Zeiten lud Pfarrer Gerhard Cyrus Jugendliche und Punks ins heutige Museum ein (© Anda)