Ach, du liebe Zeit!

Sprachbeispiel an Tafel mit KreideschriftWas habe ich zuerst, wie lange und mit welchen Folgen für die Gegenwart gemacht? Das Sprachenlernen kann unser Zeit-Verständnis mitunter ordentlich durcheinander bringen. Oder anders gesagt: Plötzlich tun sich da ganz neue Dimensionen auf, die unsere Handlungen in ungeahnte Sphären heben. Einen Überblick, was euch in welcher Sprache in punkto “Zeit” erwartet, wird euch die kleine Tabelle hier verschaffen.
Während wir in der Gegenwart leben, erinnern wir uns an die Vergangenheit und planen unsere Zukunft. Dazwischen plaudern, essen, schlafen wir, ohne nachzudenken. Aber den meisten Sprachen reichen Präsens, Präteritum und Futur nicht aus, um alle Handlungen, die wir beschreiben wollen, “zeitgemäß” anzuordnen. Jetlag bekommen wir, wenn uns die Zeitverschiebung zwischen den geographischen Zeitzonen zu schaffen macht, da können wir bei unserer Reise von einer Sprache in die andere vielleicht von einer Art Language-Lag sprechen, wenn wir nämlich unsere linguistische Perspektive auf ein Geschehen verschieben müssen.
Denn verschiedene Sprachen kennen verschiedene Zeitformen. Sprachen, die wir für besonders kompliziert halten, wie Russisch und Japanisch, machen es den Lernenden hier sogar einfach, je eine Form für Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft und damit hat sich die Sache. Im Vergleich dazu sind Deutsch und Englisch mit jeweils sechs verbalen Zeitformen schon fordernder, Italienisch und Spanisch kennen gar sieben davon und Französisch- und Portugiesischsprechende dürfen bei acht verschiedenen Zeitformen besonders wählerisch sein – und da sind die sogenannten Verlaufsformen noch gar nicht mitgezählt, die zum Beispiel das Englische, nicht aber das Deutsche besitzt, obwohl beide zur germanischen Sprachfamilie gehören.
So einige Übereinstimmung mag sich ja finden, „I have begun to learn German“ sieht doch beinahe so aus wie „Ich habe begonnen, Deutsch zu lernen“. Was gleich aussieht, ist aber leider nicht immer gleich in der Aussage. So ist das deutsche Perfekt, das wir meistens beim Sprechen über die Vergangenheit benutzen, längst nicht mit dem englischen Present Perfect gleichzusetzen. Das macht deutschen Englischlernenden das Leben ungefähr genauso schwer wie der Unterschied zwischen Imperfekt und einfachem Präteritum, die in romanischen Sprachen auftauchen. Derlei zeigt sich, sobald man einen simplen Satz wie den folgenden übersetzen möchte:
Ich habe ein Fahrrad gekauft.
Mit dem Perfekt würden wir es im Deutschen am liebsten sagen, hätten aber auch nichts dagegen in einem geschriebenen Text die Präteritumform zu lesen: Ich kaufte ein Fahrrad. Präteritum und Perfekt machen für uns keinen Unterschied; ob es letztes Jahr, gestern oder heute Morgen war, ist uns egal, die Aktion ist abgeschlossen, aus und vorbei, basta. Dagegen macht es sehr wohl einen Unterschied, ob ich das Fahrrad gestern oder heute Morgen gekauft habe, wenn ich den Satz auf Englisch sagen möchte:
I bought a bike yesterday.
I have bought a bike this morning.
Hm, da haben wir’s schon, da müssen Deutsche anfangen zu denken, um es richtig zu sagen. Und uns damit abfinden, dass wir bei „nahe“ zurückliegenden Aktionen immer auch die Konsequenzen mitdenken müssen. Vielleicht sind wir wegen des Fahrradkaufs zu spät zum Date gekommen oder sind jetzt pleite oder einfach nur besonders zufrieden und das drückt sich im Present Perfect aus.
Die Geschichte ist aber noch nicht zu Ende:
Als ich das Fahrrad bezahlte, rief mein Freund an.
Ohne Probleme hätten wir anstelle des Präteritums hier das Perfekt benutzen können, „bezahlen“ und „anrufen“ wäre für uns zeitlich dasselbe geblieben und beides ist ungefähr gleichzeitig geschehen, nämlich in der Vergangenheit, das genügt. Nicht so, wollen wir es zum Beispiel auf Spanisch sagen, Präteritum ist da nicht gleich Präteritum:
Mientras pagaba la bici, llamó mi amigo.
Für die erste Handlung, das Kaufen des Fahrrads benutzen wir das Imperfekt, denn noch ist der Akt nicht beendet, quasi „un-perfekt“. In diesem Moment setzt die zweite Handlung ein, mein Freund ruft an und ich will oder muss zuerst mit ihm sprechen, mich verabschieden und wieder auflegen, also diese Aktion komplett beenden, bevor ich den Kauf des Fahrrads beenden kann.
Deutschlernende mögen sich über Akkusativ, Dativ und Verben am Satzende beschweren, was die Zeitformen angeht, nimmt es die deutsche Grammatik bei Weitem nicht so streng wie das Englische oder die romanischen Sprachen. Um euch einen kleinen Eindruck zu verschaffen, was da so durch die Grammtikbücher kreucht und fleucht, um Fremdsprachenlernende aus ihrem Zeitkonzept zu bringen, haben wir euch eine Übersicht – ohne Verlaufsformen, sprich sowas wie Presente Contínuo, Present Perfect Progressive und Kumpanen – zusammengestellt.

Um zu wissen, wie man diese Zeiten benutzt und welchen Unterschied es macht, ob ich sage „Te quería“ oder „Te quise“, da reicht einfach der Platz nicht hier. Also, es bleibt nichts anderes übrig, als sich mit einem Grammatikuch hinzuhocken oder einen Sprachkurs zu machen. Anda steht euch natürlich zu Diensten;-)